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Was ist Phytotherapie?

Pflanzenheilkunde, lateinisch Phytotherapie, umfasst die Vorbeugung, Linderung oder Heilung von Krankheiten und Beschwerden durch Heil- und Arzneipflanzen, deren Teile (wie z.B. Wurzeln, Blätter, Blüten), deren Bestandteile (z.B. ätherische Öle) oder durch Zubereitungen aus Heil- und Arzneipflanzen (z.B. Pulver, Presssäfte oder Tinkturen) als Einzelpflanzen oder in Rezepturen.

In der Traditionellen Medizinformen vieler Kulturen, wie z.B. der TEM Traditionellen Europäischen Medizin, TCM Traditionellen Chinesischen Medizin, TAM Traditionellen Arabischen Medizin, dem indischen Ayurveda oder der japanischen Kampo-Medizin sind Lehrbücher über die Pflanzenheilkunde seit über 2000 Jahren geschrieben worden.

Grundsätzlich kommen in der Pflanzenheilkunde nur ganze Pflanzen oder Pflanzenteile jedoch keine isolierten Einzelstoffe zur Anwendung. Diese in der Pharmazie „Drogen“ genannten Ausgangsstoffe werden frisch oder getrocknet angewendet. Die Gesamtheit der natürlichen Wirkstoffe (bzw. die Wirkstoffkombination) einer Heilpflanze ist die therapeutische Grundlage. Die professionelle Ausbildung eines Arztes in den Traditionellen Medizinformen (Daifu in der TCM, Hakim in der TAM, Ayurveda-Arztes etc.) ist aufwändig und dauert mindestens 5 Jahre.

„Dieweil nun die Krankheit aus der Natur, nicht vom Arzt und die Arznei aus der Natur, auch nicht vom Arzt kommt, so muss der Arzt der sein, der aus denen beiden lernen muss.“

Paracelsus, 16. Jh.

Die traditionelle Phytotherapie war bis 1800 in Europa unumstößliche Grundlage für alle Arzneibücher. Obwohl viele der heutigen Medikamente auf den Grundlagen dieser Pflanzenheilkunde basieren (wie z.B. Digitalis-Präparate, Aspirin, Penicillin), beschäftigt sich die westliche Schulmedizin und Pharmazie nicht mehr damit – weder in Vorlesungen, Seminaren, Prüfungen oder in der Therapie So verfügen ausgebildete moderne Human- oder Veterinär-Ärzte und Apotheker auf Grundlage ihrer universitären Pflichtausbildung über keinerlei Kenntnisse der Phytotherapie. Es besteht aber die Möglichkeit zusätzlicher Fort- und Ausbildungen in Pflanzenheilkunde neben oder nach dem Studium, bzw. der Ausbildung.

„Braunbären sind klügere Therapeuten als so mancher moderne Arzt –
sie kennen immerhin über 400 Heilpflanzen.“

Lydia Reutter

Die Anwendung der Pflanzenheilkunde wird derzeit von mehreren Milliarden Menschen genutzt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass aktuell 80 % der Weltpopulation die Pflanzenheilkunde für Bereiche der grundlegenden medizinischen Versorgung einsetzt. Auch in der Volksmedizin findet die Phytotherapie ihren Niederschlag im Alltag, denn hier kann man auf Produkte der Natur zurückgreifen, die sehr viel weniger als kommerzielle chemische Medikamente oder gar nichts kosten.

Die heutige Verordnung von Heilpflanzen erfolgt nach unterschiedlichen Gesetzeslagen. Neben der rezeptfreien Therapie mit Heil- und Arzneipflanzen als Lebensmittel oder Futtermittel gibt es für einige Pflanzen eine Zulassung als Arzneimittel gemäß AMG Arzneimittelgesetz; diese werden Phytopharmaka genannt. Phytopharmaka sind zum Teil rezeptpflichtig. Ohne Kenntnisse über Heilpflanzen und falsch angewendet können auch Heil- und Arzneipflanzen schädlich wirken.

„Alle Dinge sind Gift,
und nichts ist ohne Gift;
allein die Dosis machts,
dass ein Ding kein Gift sei.“

Paracelsus, 16. Jh.

Nicht zur traditionellen Pflanzenheilkunde zählt die inzwischen gängige Anwendung isolierter Einzelstoffe (biogene Isolate) und ihrer Abkömmlinge, die durch Isolierung oder chemisch-synthetisch erzeugt werden. Manche dieser modernen Phytopharmaka enthalten weitere Inhaltsstoffe, die den Effekt der wirksamen Inhaltsstoffe modifizieren können, indem sie z. B. deren Stabilität oder die Bioverfügbarkeit beeinflussen sollen. Auch der traditionell biologische Anbau der Pflanzen ist in der Regel nicht mehr gewährleistet.

Seit dem 20. Jh. werden pflanzliche Arzneimittel durch Behörden bewertet:

– Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (Committee for Herbal Medicinal Products, HMPC)

– Europäische Arzneimittelagentur

– Weltgesundheitsorganisation (WHO)

– European Scientific Cooperative on Phytotherapy (ESCOP)

Als maßgeblicher Standard der Phytotherapie wird heutzutage innerhalb der westlichen Medizin und chemisch-pharmazeutischen Industrie die „evidenzbasierte Medizin“, d.h. die ausschließlich durch moderne Studien beforschte Medizin proklamiert. Dabei sind die schmal angelegten Studienprofile mit ihrem rein linearen statt induktiv-synthetischem Ansatz, auf denen diese Studien basieren, nicht in der Lage die komplexen und interagierenden Eigenschaften und Fähigkeiten von Heilpflanzen abzubilden, zu untersuchen oder nachzuweisen. Sie bleiben Schlaglichter mit rudimentärer Aussagekraft im Vergleich zur jahrtausendalten traditionellen Heilpflanzenkunde mit ihrem breiten Erfahrungsschatz und unzähligen Lehrbüchern.