/ Wissenswert

Bio-Piraterie

Großkonzerne der Pharma-, Saatgut- und Gentechnik-Industrie haben eine raffinierte Technik entwickelt, das geistige Eigentum der Traditionellen Medizin zur eigenen Gewinnoptimierung zu missbrauchen und zu zerstören:

Als multinationale Konzerne registrieren sie die seit über Jahrtausende genutzten und bekannten traditionellen Heil- und Arzneipflanzen als eigenes Patent („Biopatente“) oder Marke („Biomaterial“). Diese Patente und Marken sind ein wichtiger Bestandteil des Inwertsetzungsprozesses von traditionellem Wissen und genetischen Ressourcen, um die freie Nutzung, Anwendung und Heilkunde dieser Pflanzen sowohl durch indigene Völker als auch durch die Allgemeinheit gesetzlich unter Verbot zu stellen. Beispiele für eine solche Biopiraterie sind z.B. die Kapstadt-Pelargonie (Pelargonium sideroides), die Afrikanische Teufelskralle (Harpagophytum procumbens) und Maca (Lepidium meyenii. Auch der Einjährige Beifuß (Artemisia annua) befindet sich derzeit auf diesem Weg.

„Bio-Patente sind die neue Form der Kolonialisierung.“

Vandana Shiva, indische Physikerin und Trägerin des Alternativen Nobelpreises, 20. Jh.

Das American Heritage Dictionary definiert Biopiraterie als “die kommerzielle Weiterentwicklung natürlich vorkommender biologischer Materialien, wie zum Beispiel pflanzliche Substanzen oder genetische Zelllinien, durch ein technologisch fortgeschrittenes Land oder eine Organisation ohne eine faire Entschädigung der Länder bzw. Völker, auf deren Territorium diese Materialien ursprünglich entdeckt wurden”. Per „Bioprospektion“ wird dabei das kommerzielle Potenzial biologischer Ressourcen, vor allem von traditionellen Heilpflanzen ausgelotet, um deren wirtschaftliche Nutzbarmachung abzuschätzen – insbesondere für die Zwecke der chemisch-pharmazeutischen Industrie.

Die originalen Wildpflanzen oder ihre Gene werden durch die juristische Zuschreibung von Eigentumsrechten von Konzernen zunutze gemacht und durch Biotechnologie und Gentechnik „weiterentwickelt“ und verändert. Zwar versuchte die Biodiversitätskonvention (Convention on Biological Diversity – CBD) 1992 gegen derartige Patentierungen und Urheberrechte von Konzernen vorzugehen, jedoch wurde diese Konvention von etlichen Staaten, unter anderem den USA, nie unterzeichnet.

Bereits 1996 erzielte die Pharmaindustrie mit Medikamenten, die bereits vor ihrer pharmakologischen Vermarktung als traditionellen Heilmittel in der Volksheilkunde angewendet wurden, weltweit etwa 32 Milliarden US-Dollar Gewinn. Natürliche Ressourcen wie Gensequenzen, Proteinstrukturen und Mikrobiokatalysatoren in Pflanzen wurden “entdeckt“, patentiert und modifiziert. Statt der physischen Gesamtheit der Original-Pflanze mit ihrer evolutionär balancierten Wirkstoffkombination wird nun die Überlegenheit der technisch-pharmazeutischen Industrie mit der Vermarktung molekularer isolierter Pflanzen-„Software“ beworben.

Schlußendlich werden gentechnisch veränderte Pflanzen oder Pflanzenisolate – halb- oder vollsynthetisch hergestellt – als die bessere Alternative zur originalen Wildpflanze propagiert. Vor allem der Einjährige Beifuß (Artemisia annua) wird seit einigen Jahren als gentechnisch modifizierter Beifuß mit erhöhtem Artemisinin-Gehalt angeboten, wobei die Risiken einer solchen Pflanze mit insgesamt verändertem Genom für die Gesundheit und die Umwelt vollständig außer Acht gelassen werden.

Durch die Monopolisierung von genveränderten Sorten werden traditionelle Anbaumethoden, Sorten und Anwendungsmethoden verdrängt und kriminalisiert, das Wissen der historischen Traditionellen Medizin vernichtet und die natürliche Artenvielfalt der Wildpflanzen gefährdet. Eine Kennzeichnungspflicht dieser GMO – Pflanzen (Genetically Modified Organisms) im Handel besteht nicht – außer bei Produkten mit Bio-Zertifikaten, deren Verbände Gentechnik verbieten und kontrollieren (z.B. BIOLAND).

Der schonungslos profiorientierte und missbrauchende Eingriff in das natürliche Ökosystem unseres Planeten unter Verleugnung verursachender Schäden wird von der Allgemeinbevölkerung kaum zur Kenntnis genommen. Damit einher geht ein respektloser Umgang mit dem Wissen Jahrtausende alter erfolgreicher Medizinkulturen zugunsten einer alternativlosen Gläubigkeit an chemisch-pharmazeutische Therapieoptionen und der Verengung der Heilungschancen jedes Einzelnen. Alles zugunsten den Interessen einer machtvollen Pharma-Lobby.

„Mancher Fortschritt ist ein Schritt fort von jeglicher Vernunft.“

Lydia Reutter

Rettung in Sicht?

Während das internationale Nagoya-Protokoll von 2014, welches den Zugang zu genetischen Ressourcen und die gerechte Aufteilung aus ihrer Nutzung zu regeln versucht, an den Interessen von Big Pharma scheitert, gibt es doch Hoffnung.

Über die Wissensvermittlung traditionellen Wissens indigener Völker und Traditioneller Medizin-Kulturen, wie z.B. der TEM Traditionellen Europäischen Medizin, TCM Traditionellen Chinesischen Medizin, TAM Traditionellen Arabischem Medizin, des Ayurveda etc. als „indigenous knowledge system“ und die Ausweisung dieses Wissen in öffentlich zugänglichen Verzeichnissen und Datenbanken wird das Heilpflanzen-Wissen formal in das globale Wissenssystem eingeführt und gelangt wieder zu allgemeiner Bekanntheit. Damit ist es für international agierende Konzerne viel schwerer traditionelles Wissen als eigene und neue Leistung auszugeben und eine Patentierung hierfür zu erlangen.

Zweige der Ethno-Medizin und Ethno-Botanik leisten hierzu ihren Beitrag, ebenso wie die “Traditional Knowledge Digital Library”, eine Datenbank für Heilpflanzen. An Universitäten wird inzwischen Phytotherapie und ökologische Landwirtschaft gelehrt, internationale Forschungsinstitutionen wie z.B. das FIBL Forschungsinstitut für biologischen Landbau und NGO-Organisationen wie Greenpeace, ETC Group, Seedsavers, biologisch-ökologische Verbände wie BIOLAND und Demeter und mehrere One World – One Health – Initiativen wenden sich aktiv gegen eine profitorientierte Kommerzialisierung von traditionellem Wissen und der Vermarktung des „grünen Goldes der Gene” seitens der Pharma-, Life Sciences- und Saatgut-Industrie.

Jeder Einzelne kann seinen Beitrag gegen Biopiraterie leisten: durch Interesse, Wissensverbreitung und die Unterstützung entsprechender Betriebe und Organisationen. Nicht zuletzt durch den Kauf naturbelassener und Gentechnik-freier Produkte.

„Alles ist mit Allem verbunden.“

Hildegard von Bingen, 12. Jh.

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