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Wermut, Artemisia absinthium

Wermut ist eine Heilpflanze, die seit Jahrtausenden genutzt wird. Im alten Ägypten wurde Wermut für Würz- und Heilzwecke eingesetzt und fand im Papyrus Ebers als „Saam“ Erwähnung. In der Bibel wird er mehrmals in metaphorischem Sinne unter Anspielung seiner enormen Bitterkeit benannt.

Die lateinische Bezeichnung Artemisia entstammt einer Sage, in welcher die griechische Königin Artemisia den Wermut aufgrund ihrer hohen Wertschätzung mit ihrem eigenen Namen bedacht und der griechischen Göttin der Fruchtbarkeit, Artemis geweiht habe.
Auch die Kelten verwendeten bereits die Heilpflanze.

Ärzte der Antike wie Hippokrates im 4. Jh. v. Chr., Plinius d. Ä. und Dioskurides im 1. Jh., Galen im 2. Jh., Pseudo-Apuleius im 4. Jh., Wahlafried Strabo im 9. Jh. (der den Wermut in seinem Klosterlehrbuch „Hortulus“ als eine der 24 wichtigsten Heilpflanzen des Mittelalters bekundete), Konstantin der Araber und Avicenna im 11. Jh. würdigten in ihren medizinischen Abhandlungen seine zahlreichen Wirkungen; darunter die Förderung von Appetit, Verdauung und Menstruation sowie gegen Kopfschmerzen, Gelbsucht und Entzündungen.
Eine Messerspitze Wermutpulver setzte man den Speisen zu, um Blutarmut zu beheben. Auch als Abtreibungsmittel war Wermut bekannt. Insbesondere die Wirkung gegen Parasiten war beim Wermut von Bedeutung, dem zufolge lautet seine englische Bezeichnung „Wormwood“.

Hildegard von Bingen schreibt im 12. Jahrhundert: „Der Wermut ist der Meister über alle Erschöpfungszustände im Menschen. Trinke den Wermutwein von Mai bis Oktober jeden dritten Tag nüchtern, er beseitigt in dir die Nierenschwäche und die Melanche und klärt deine Augen und stärkt dein Herz und lässt nicht zu, dass deine Lunge krank wird. Er wärmt den Magen und reinigt die Eingeweide und bereitet eine gute Verdauung.“

Daneben wurde Wermut zur Abwehr von Mäusefraß an Büchern in Schreibtinte verwendet und gegen Motten in Kleiderschränke gehängt. Er galt außerdem als wirksames Abwehrmittel gegen Hexerei und dämonische Einflüsse und wurde bei verschiedenen Ritualen sowie in Kräutermützen gegen Schlaflosigkeit eingesetzt.

Ärzte und Gelehrte wie Pseudo-Serapion und Abu Muhammad ibn al-Baitar im 13. Jh., Hieronymus Bock, Leonhard Fuchs, Tabernae-
montanus und Pietro Mattioli im 16. Jh. und Boerhaave im 17. Jh. schätzten den Wermut als wichtige Heilpflanze und schrieben ihm zahlreiche Wirkungen bei Rheumatismus, Entzündungen, Malaria, Pest, Cholera, Gelbsucht, Magen- und Frauenleiden, Kopfschmerzen und Epilepsie zu, auch helfe er gegen die Degeneration des Gehirns und sei ein antifebriles Mittel.

Im 19. Jahrhundert wurde der aus Wermut hergestellte Absinth, ein grünes alkoholisches Kultgetränk aus Wermut, Fenchel, Anis und Melisse mit hohem Thujongehalt, welchem euphorisierende und aphrodisierende Effekte zugeschrieben wurden, zur Modedroge, die zeitweise wegen des bei Überdosierung auftretenden “Absinthrausches” mit Erbrechen, Schwindel, Epilepsie-artigen Krämpfen, Halluzinationen und Wahnvorstellungen verboten war. Vom „Absinthismus“, womit man den körperlichen und seelischen Verfall durch Absinth-Missbrauch bezeichnete, gibt es eine Darstellung des Künstlers Edgar Dega aus dem Jahre 1876. Dauerkonsument van Gogh soll sich im Rahmen seiner Absinth-Sucht sinnesverwirrt ein Ohr abgeschnitten haben.

Wermut wird auch zur Herstellung der Spirituose Wermut verwendet, eines mit Gewürzen und Kräutern aromatisierten Likörs. Seit 1998 dürfen Schnäpse und Liköre aus Wermut einen gesetzlich festgelegten Höchstgehalt an Thujon nicht überschreiten.

Wichtigste Inhaltsstoffe

Sequiterpenlactone: Absinthin, Anabsinthin, Artabsin, Anabsin, Chrysanthenylacetat, Matricin
Ätherische Öle: Chamazulen, Thujon, Thujol
Flavone
Vitamin C (Ascorbinsäure)
Cumarine
Gerbstoffe